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Gründe der Hilfegewährung


67. Wie unterscheiden sich „Gründe der Hilfegewährung“ von den „Anlässen“, die bisher erhoben worden sind?

Die Anlässe haben bisher die Sicht der Rat suchenden Familien abgebildet. Es wurde erhoben, was im Erstgespräch der Beratungsfachkraft als Anlass, um Beratung nachzusuchen, vorgetragen worden war. Die neue Statistik erhebt dagegen die fachliche Sicht der Beraterin/des Beraters auf die dargestellte Situation des Kindes bzw. der Familie.

Am Beispiel: Eine Familie nimmt die verschlechterte Leistungssituation eines Kindes in der Schule zum Anlass, Beratung aufzusuchen. Die Fachkraft sieht in der schwierigen Familiensituation den Grund, der es erforderlich macht, das Kind durch Beratung zu unterstützen.

68. Ist es nicht sinnvoll, auch die Gründe der Hilfegewährung zu Beginn der Beratung zu erfassen?
Gründe, die dazu führen, eine Hilfe, hier: Beratung, zu leisten, liegen immer schon zu Beginn der Hilfe vor. Die Hilfe wird nicht wegen eines noch in der Zukunft liegenden Ereignisses geleistet. Aber die Kenntnis über die Situation eines Kindes/ einer Familie kann sich im Verlauf der Beratung vertiefen. Deshalb wird der Kenntnisstand zum Meldezeitpunkt abgefragt. Zusätzlich zu den bei Hilfebeginn bekannten Gründen, die es notwendig machen, eine Beratung zu leisten, sollen also auch erst später erkannte Gründe noch erfasst werden. Dies betrifft in der Erziehungsberatung insbesondere schambesetzte Aspekte einer Problemsituation wie z.B. ausgeübte Gewalt gegen das eigene Kind.

Am Beispiel: Eine Familie nimmt die verschlechterte Leistungssituation eines Kindes in der Schule zum Anlass, Beratung aufzusuchen. Die Fachkraft sieht in der schwierigen Familiensituation den Grund, der es erforderlich macht, das Kind durch Beratung zu unterstützen. Aber erst im Verlauf der Beratung wird deutlich, dass auch ein sexueller Missbrauch stattgefunden hat.

69. Warum sind die Gründe der Hilfegewährung für die Erziehungsberatung nicht besser operationalisiert? Schon die frühere Anlasserhebung war nicht gelungen.

Die bisherige Erhebung in der Bundesstatistik enthielt einen eigenen Erhebungsbogen für die Institutionelle Beratung. Die neue Erhebung arbeitet jedoch mit einem Instrument für alle Hilfearten. Deshalb sind die Gründe der Hilfegewährung so angelegt, dass sich sowohl Gründe finden, die vorrangig in der Erziehungsberatung zutreffen werden, als auch Gründe, die für die Fremdunterbringungen außerhalb der eigenen Familie gedacht sind. Für die Erziehungsberatung kommen wohl am häufigsten die Kategorien 15 bis 18 in Betracht, also:

• Belastungen des jungen Menschen durch familiäre Konflikte
• Auffälligkeiten im sozialen Verhalten des jungen Menschen
• Entwicklungsauffälligkeiten/seelische Probleme des jungen Menschen
• Schulische/berufliche Probleme des jungen Menschen.

Bei den anderen Kategorien muss im Einzelfall geprüft werden, ob sie die Situation eines jungen Menschen um dessentwillen Erziehungsberatung erfolgt zutreffend beschreiben. (Siehe auch: Frage 70.)

70. Sollte man statt von „eingeschränkter Erziehungskompetenz“ nicht besser von „Erziehungsunsicherheit“ sprechen? In der Beratungsarbeit wird doch an den Ressourcen der Ratsuchenden angeknüpft.
Wenn in der Bundesstatistik an dieser Stelle von „eingeschränkter Erziehungskompetenz“ gesprochen wird, dann ist dies auch so gemeint. Hier wird deutlich, dass diese Merkmalsausprägung nicht auf die Erziehungsberatung zugeschnitten worden ist und hauptsächlich für andere Hilfen zur Erziehung in Betracht kommt, die bei Vorliegen eines klaren Defizits zum Einsatz kommen.

Auch andere Operationalisierungen sollten deshalb nicht aus der Perspektive der Erziehungsberatung umgedeutet werden. Wenn sie die Situation einer Familie nicht treffen, können sie auch nicht genutzt werden. Durch die vorgelegten Kategorien soll gerade deutlich werden, welche Gründe zu welchen Leistungen führen. (Siehe auch: Frage 69.)

71. Warum wird bei den Gründen für die Hilfegewährung nicht stärker differenziert?
Der Erhebungsbogen soll zugleich für alle Hilfen zur Erziehung nach § 27ff SGB VIII angewendet werden. Deshalb können die Kategorien nicht für einzelne Hilfearten ausdifferenziert sein. Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung hat für den Bereich der Erziehungsberatung weitere interne Differenzierungen der Kategorien der Bundesstatistik vorgeschlagen. (Siehe: Informationen für Erziehungsberatungsstellen, Heft 3/2006, S. 7). Sie können von den Beratungsstellen zum Zweck weiterer Auswertungen genutzt werden.

72. Wenn ein Kind sexuelle Gewalt außerhalb der Familie erleidet, welcher Kategorie kann das zugeordnet werden? Es ist im Erhebungsbogen nur von sexueller Gewalt in der Familie die Rede.
Die sexuelle Gewalt ist eine mögliche Gruppe der Merkmalsausprägung Gefährdung des Kindeswohls. Sexuelle Gewalt, die außerhalb der Familie einem Kind zugefügt wird, gefährdet sein Wohl ebenfalls und ist daher auch hier anzugeben. Die Nennung von Gewalt in der Familie ist nur eine mögliche Beispielkonstellation. Alle Merkmalsausprägungen müssen in der Praxis sinnentsprechend auf andere Konstellationen übertragen werden.

73. Wenn ein Kind in der Schule gemobbt wird und passiv den Übergriff anderer erleiden muss, welche Kategorie der Hilfegründe soll diese Konstellation zugeordnet werden?
Je nach Situation des Einzelfalls kann die Angabe „Gefährdung des Kindeswohls“ (körperliche oder seelische Gewalt außerhalb der Familie) oder „Seelische Probleme des jungen Menschen“ (Ängste, suizidale Tendenzen) zutreffend sein.

116. Kann bei den Gründen der Hilfegewährung eine "Gefährdung des Kindeswohls“ nur dann angegeben werden, wenn während der Beratung eine solche Gefährdung entsprechend § 8a SGB VIII festgestellt worden ist?
Nein. Die Angabe des Grundes der Hilfegewährung ist nicht zwingend mit den Verfahrensschritten nach § 8a SGB VIII verknüpft.
Natürlich ist es korrekt dann, wenn eine Risikoabschätzung nach § 8a stattgefunden hat und eine Gefährdung des Kindes (oder Jugendlichen) festgestellt worden ist, als Grund für eine in dieser Situation geleistete Erziehungsberatung „Gefährdung des Kindeswohls“ anzugeben. Aber auch dann wenn eine Risikoabschätzung nicht zu der Feststellung einer vorliegenden Gefährdung geführt hat, kann dennoch eine Beratung erfolgen mit dem Ziel, einer möglichen Entwicklung vorzubeugen, die ohne diese Beratung eine künftige Gefährdung befürchten lässt. Auch hier ist der Grund der Hilfegewährung „Gefährdung des Kindeswohls“.
Ebenso ist denkbar, dass Erziehungsberatung in Situationen geleistet wird, in denen keine „gewichtigen“ Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen vorliegen, die die Verfahrensschritte des § 8a SGB VIII auslösen. Auch hier kann die Beratung in der Perspektive einer möglichen künftigen Gefährdung geleistet werden. Entsprechend ist „Gefährdung des Kindeswohls“ als Grund der Hilfegewährung anzugeben.
Zur Klarstellung: Allein aus der Angabe dieses Hilfegrundes in der Statistik kann nicht im Umkehrschluss die Notwendigkeit der „Abschätzung des Gefährdungsrisikos“ entsprechend § 8a SGB VIII und in der Folge (bei eventueller Nichtdurchführung der gesetzlich definierten Verfahrensschritte) eine strafrechtliche Verantwortung der Beratungsfachkraft gefolgert werden. Die Abschätzung des Gefährdungsrisikos nach § 8a SGB VIII setzt immer voraus, dass der Beratungsfachkraft „gewichtige Anhaltspunkte“ für eine Gefährdung des Kindeswohls bekannt sind.

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